Unser Hund ist ein schlechter Esser. Man kann ihn auch mit Leckereien nicht dazu bewegen, Dinge zu tun, die er nicht tun will. Und bei Tisch hat er auch noch nie gebettelt. Hah! Ich könnte diese drei Sätze jetzt laut aufsagen und vor meiner Frau und Klärchen, unserer siebenjährigen Magyar Vizsla-Hündin, andächtig vortragen. Allerdings würde das auch nichts ändern. Ich gestehe: Alle drei Sätze sind ausgemachte Lügen. Ich wünschte, es wäre nicht so.

Ich darf das mal kurz verdeutlichen. Klärchen hat ständig Hunger, oder besser: Sie möchte ständig essen, was ja nicht unbedingt dasselbe ist. Meine Frau hat bis zu einem gewissen Grad Verständnis für ihre beinahe zwanghafte Suche nach irgendetwas Essbarem, denn:

Der Hund kann sich ja nicht allein im Kühlschrank umsehen.

Wir vermuten, dass Hunde – Klärchen ist in dieser Hinsicht keineswegs eine Ausnahme, wie wir recherchiert haben – nur deshalb unentwegt Nahrung in sich hineinschaufeln wollen, weil sie fürchten, es sei das letzte Mal für lange, lange Zeit, dass sie dazu Gelegenheit haben. Im Gegensatz zu unseren Katern, die in dieser Hinsicht viel mehr Vertrauen aufbringen und ihre vorbereiteten Schälchen auch schon einmal über Stunden ignorieren, bevor sie betont uninteressiert daran herummümmeln. 

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Bei Klärchen wäre diese Form der Vorratshaltung völlig undenkbar. Sie wird zweimal am Tag gefüttert, zu festen Zeiten. Und an diese Zeiten erinnert sich Klärchen präzise. Ihr Zeitgefühl ist ausgeprägt. Morgens um neun und am späten Nachmittag, so gegen 17 Uhr, begibt sie sich wie ferngesteuert an den großen (verschließbaren!) Holzeimer, in dem wir ihr Futter bunkern, setzt sich mit unbewegter Miene auf ihre Hinterbeine und mustert uns konzentriert. Das hält sie ein paar Minuten durch, bis sie zu einem leisen Murren und Winseln übergeht, wenn nicht gleich serviert wird. Ist das endlich der Fall, dauert der Akt der Nahrungsaufnahme nur einige Sekunden. So schnell kann man gar nicht gucken, wie der Hund sein Essen inhaliert. Kauen wird im Hundeuniversum offenbar nicht geschätzt.

Tricks nur mit Futter-Motivationsbooster

Einen Unterschied gibt es allerdings schon zwischen den beiden Mahlzeiten: Sein Frühstück muss sich der Hund immer erst verdienen, wenn man das so nennen will: Meine Frau hat mit Klärchen eine Reihe von kleinen Kunststücken eingeübt, die unser Hund mit militärischer Akkuratesse aneinanderreiht wie ein nordkoreanischer Rekrut. Fast schon fiebrig übermotiviert absolviert Klärchen Übungen wie „Gimme Five“, „In Deckung“ oder „Down“, und weil es ihr nicht schnell genug geht mit den Befehlen, beginnt sie oft schon mit den Tricks, noch bevor das jeweilige Kommando ertönt ist. Der Hund ist schließlich nicht dumm und weiß: Je schneller er hier sein Programm abspult, umso hurtiger wird auch die Freigabe für den Napf erteilt. Und mehr kann unser Hund in seinem Leben offenbar nicht erreichen…

Hund macht Kommando vorm Fressen
Kabo

Interessant in diesem Zusammenhang: Wird der Hund in freier Wildbahn aufgefordert zu zeigen, was er so draufhat, macht er meistens nur widerwillig mit. Ohne den Futter-Motivationsbooster hat der Hund kein Interesse an „Gimme Five“ oder ähnlichem Geplänkel. Aus diesem Grund hat es sich für uns bewährt, jederzeit kleine Käsekrümel, Kaustangen oder sonstige Leckerlis mitzuführen, wenn wir mit Klärchen unterwegs sind. Nicht, weil wir ständig ihre Tricks abrufen wollten. Es geht eher darum, sie schnell und jederzeit abrufen zu können, wenn sie beim Gassi gehen mal wieder 50 Meter vorgelaufen ist oder in der Ferne eine ahnungslose Katze herumstrolcht.

Hauptsache Leckerli

Wir haben gelernt: Essen in Reichweite ist der Joker, der bei Klärchen (und den meisten ihrer Artgenossen) stärker als jeder andere Impuls wirkt und zur sofortigen Folgsamkeit führt. Mit dieser Konkurrenz haben nicht mal Katzen, Rehe oder unser Briefträger eine reelle Chance, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Freunde wollten übrigens neulich wissen, mit welchen Leckerlis die besten Resultate zu erzielen sind, so aufmerksamkeitstechnisch. Was haben wir gelacht. Klärchen regelt das basisdemokratisch: Alle Leckerlis sind gleich und werden auch so behandelt. In einem Universum, in dem auch Ledergürtel, Pralinenverpackungen und Kissenfüllungen aus Schaumstoff von kulinarischem Interesse zu sein scheinen, braucht es keine Top-Ten-Liste der Lieblingsspeisen. Es gibt nur wenige Nahrungsmittel, die Klärchen nicht mag. Erstaunlicherweise gehören Äpfel dazu. Gesunde Ernährung scheint in ihrem Leben keine Rolle zu spielen, wohingegen übelriechende Hinterlassenschaften von Artgenossen oder anderem Viehzeug auf dem Spazierweg gerne mal wegschnabuliert werden. Eklig – und normal. 

Kleiner Hund beschnuppert Banane
Alex Gruber

Meine erste Lüge und meine zweite Lüge, siehe oben, kann man also mal gleich vergessen: Unser Hund ist ein extrem guter Esser (euphemistisch ausgedrückt) und er wäre theoretisch sofort bereit, für ein leckeres Schweineohr, einen mit Schweinehack gefüllten Kong oder auch nur eine kleine Kaustange auf der Stelle drei Klimmzüge zu machen und dabei „Atemlos durch die Nacht“ anzustimmen. Wenn es um Essen geht, kennt Klärchen einfach keinen Stolz.

Und lernfähig ist sie auch nicht. Nachdem wir sie bereits zweimal zum Tierarzt bringen mussten, weil sie sich a. eine ganze Leberwurst mit Verpackung und b. einen Strauch Weintrauben einverleibt hatte, trabte Klärchen auch beim dritten Notfalleinsatz fröhlich ins Behandlungszimmer unseres Heilers und wurde dort erneut mit einer Dosis Wasserstoffperoxid empfangen. Für Menschen ohne Vierbeiner und Vorkenntnisse: Wasserstoffperoxid führt zu gewaltigem Brechreiz. Kein schöner Anblick, kein angenehmer Sound. Wahnsinnig effektiv aber, um unerwünschte Magenbestände in kurzer Zeit wieder aus dem Hund herauszuwürgen, bevor der gefährliche Verdauungsprozess einsetzt. 

Zu viel Essen gibt es nicht

Im Prinzip gönnen wir Klärchen ihren großen Appetit. Problematisch dabei sind wirklich nur zwei Dinge. Dass der Tierarzt uns nach einem Übergewicht beim Vierbeiner“>Blick auf die Waage mit ernstem Blick mustert, ist zum Beispiel nicht so schön: „Zwei, drei Kilogramm könnte sie schon abnehmen!“, meinte der Mann neulich und hielt uns einen Vortrag über die gesundheitlichen Langzeitfolgen für adipöse Hunde. Dabei sieht unser Magyar Vizla doch prima aus – für einen Rhodesian Ridgeback.

Und die zweite Sache? Naja: Diese Bettelei am Tisch ist wirklich manchmal etwas unangenehm. Vor allem im Restaurant, am Tisch fremder Menschen. Das ist selbst mir manchmal etwas peinlich: Diese Leute glauben dann vermutlich, dass Klärchen bei uns nicht genug zu essen bekommt. Ich hole in einem solchen Fall im Restaurant gerne den Beutel mit dem Pansen und den Schweineöhrchen raus, den wir immer dabeihaben. Nur um der gaffenden Meute zu zeigen, dass Klärchen bei uns nicht Hunger leidet, sondern einfach nur ein unersättlicher Vielfraß ist, sorry. Und dass sie dann später an unserem Tisch steht und ihre lange Nase bettelnd auf meinem Oberschenkel ablegt, werden wir ihr auch noch abgewöhnen. Irgendwann. Vielleicht. 

Hund bettelt in Restaurant nach Leckerlis
Luis Angelo

Das ist Autor Harald Braun mit seiner geliebten Vizla-Hündin Klärchen. Sein Blick auf das Hundeleben ist durchaus erheiternd. Immer wieder aufs Neue.