Der von mir kritiklos bewunderte Kolumnist der ZEIT, Harald Martenstein, brachte das Problem mit den eigenen Kindern einmal auf eine prägnante Formel: „Der Sinn des Kinderkriegens besteht ja darin, dass, wenn man alt ist, an Weihnachten jemand anruft.“ Das klingt natürlich erst mal nicht nett, zumal Martenstein den langen Weg, der zu diesen Anrufen führt, als ziemlich steinigen bezeichnet: „In den ersten Monaten schlafen die Kinder meistens – außer nachts. Im Wachzustand schreien sie und verrichten emsig ihre Notdurft.“ Behaltet das mal im Hinterkopf, falls ihr zu der glücklichen Gruppe kinderloser Hundehalter gehört und euch zuweilen albernen Unterstellungen ausgesetzt seht, dass Hunde als Kinderersatz dienen.

Oder noch schlimmer: Scheinheiligem Mitleid. Ihr erkennt das übrigens an diesem Blick. Dieser Blick macht meine Frau ganz verrückt, und ich muss zugeben, dass auch ich ihn nicht so gut ertrage… Nein, diesmal ist ausnahmsweise nicht die Rede von Klärchens treuer Bettelmiene, mit der sie beim Frühstück um Almosen im Käse- und Wurstbereich darbt. Das ist eine andere Geschichte. Nein, es ist dieser mitleidig-gönnerhafte Blick von Nachbarn, guten Freunden und den randständigen Teilen der Familie, der uns immer dann begegnet, wenn wir unseren Hund gut behandeln, so wie er es verdient. Ihm also bei kaltem Wetter ein Pullöverchen mit Norwegermuster anziehen, ein Spielzeug aus Kautschuk mit Blattgoldrand besorgen oder zu Weihnachten glutenfreie Trüffelpralinen in seinem Napf stapeln. Diese Blicke, sie behaupten nur auf den ersten Eindruck: „Das ist ja süß!“ Haben aber im Subtext eine eindeutige Frechheit im Sinn:

„Na ja, diese Leute wissen es nicht besser, sie haben ja auch keine Kinder – ein schöner Ersatz, so ein Hund!“ 

Ja, wir lieben unseren Hund! Na, und?

Offenbar besteht da draußen in der Welt kollektive Übereinkunft in der Frage, wer den wertvolleren Beitrag für die Gesellschaft leistet, außer bei den Martensteins vielleicht: Kinder auf jeden Fall first. Es scheint sogar eine Art Makel zu sein, statt eines Hauses voller Kinder lieber einen Hund zu halten, der zuweilen mit im eigenen Bett schlafen darf, am Tisch immer was vom Essen abbekommt und über eine Steifftier-Auswahl verfügt, auf die mancher Waldorf-Kindergarten neidisch wäre. Ja ja, wir geben es zu: Wir lieben unseren Hund!  Wir finden, dass er ein elementarer Bestandteil unserer Klein-Familie ist. Und wir verwöhnen ihn, jawohl. So what. Ist er deswegen ein Kinderersatz? 

Denken wir doch mal einen Moment gemeinsam drüber nach, was Klärchen, diese schicke ungarische Jagdhündin, alles für uns tut: Meine Frau und ich werden von ihr zum Beispiel geduldig in der Kunst des Dauerlaufs trainiert, obwohl unser eingeschlagenes Tempo eine Beleidigung für den Kaniden sein dürfte. Er legt die gemeinsame Strecke zwei bis dreimal zurück, weil er immer vorläuft und die Lage ausbaldowert, bevor er zum ungesund keuchenden Halterduo zurückeilt und uns aufmunternde Blicke zuwirft.

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Oder, anderes Beispiel: Ich arbeite an meinem Schreibtisch, um in ungesunder Körperhaltung und nahezu bewegungslos an Texten zu arbeiten, die über kurz oder lang die Einkünfte zum Überleben der Familie sichern sollen. Wer liegt wohlwollend unterstützend zu meinen Füßen, wohlig schnaufend und mir dabei die Füße wärmend? Das Klärchen. Schließlich, Szene drei aus dem Haushalt einer glücklichen Hunde-Halter-Verbindung: Klärchen steigt frühmorgens jeden Tag in unser Bett und schmiegt sich unter die Decken, wo sie die nächsten neunzig Minuten geschmeidig in der Löffelchenstellung verbleibt, ohne auch nur einmal zu murren oder auf die Uhr zu deuten. Und nun frage ich dich: Was hat das alles mit schlichtem Kindersatz zu tun? 

Hunde als Kinderersatz? Dieser Bürohund leistet doch viel mehr Beistand als Kinder
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Meine These lautet: So ein Hund ist ein deutliches Upgrade im Vergleich zur Pflege und Aufzucht von eigenen Kindern. Würde euer Vier- bis Vierzehnjähriger euch beim Joggen etwa klaglos begleiten, ohne gleich den Kinderschutz zu alarmieren oder zu verlangen, für derlei Aktivitäten mit Sport-Equipment im Gegenwert eines Kleinwagens ausgerüstet zu werden? Würde das Kind im Ehebett klaglos zu euern Füßen kauern und dabei still unter dem Plumeau verharren?

Bedingungslose (Hunde-)Liebe

Ihr kennt die Antwort: Auf muntere Lieder, vorgelesene Geschichten oder ein Ballerspiel auf dem Handy würde es drängen, und zwar nicht sonderlich zurückhaltend! Zudem benötigt so ein Hund keinen Platz in der Vorschule und will auch nicht an jedem zweiten Wochenende bei dubiosen Freunden am Stadtrand übernachten. Der Hund zeigt keine Regung, wenn mal die Pfote ein wenig schmerzt oder murrt unzufrieden, weil seine Leine nicht von Prada oder Gucci ist. Alles in allem ist so ein Hund ziemlich anspruchslos: Es reicht ihm, immer in unserer Nähe zu sein und regelmäßig ausgeführt zu werden. (Was so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was ein Kind ab dem zwölften Lebensjahr von seinen Haltern erwartet.) Allein für unsere schlichte Existenz ist so ein Hund bereit, uns bedingungslos zu lieben, ohne dafür irgendeine weitere Gegenleistung zu erwarten – nicht mal ein iPhone 13 oder ein Sprachurlaub in der Bretagne käme ihm da in den Sinn.

Hunde als Kinderersatz? Für dieses Pärchen nicht
Chewy

Also geht mir weg mit dem Gerede von Klärchen als Kinderersatz. So ein Kind ist im besten Falle ein Hundeersatz! So sieht‘s doch aus! Ihr werdet mich vermutlich für diesen Text hassen, falls ihr euch für Drei-Kinder-Küche-Bad entschieden habt statt für ein Hundefuton aus Erpelfedern. Aber was soll ich sagen: Erst vor ein paar Tagen fiel mir eine Umfrage in die Hände, die besagte, dass 20 Prozent aller Eltern gar keine Kinder mehr haben wollten, falls eine glückliche Fügung des Schicksals sie noch einmal vor die Wahl stellen sollte. Vermutlich ist ihnen ja Martensteins ZEIT-Kolumne in die Hände gefallen, um sie an das Leid der Vergangenheit zu erinnern. Von Hundebesitzern ist eine derartige Untersuchung nicht bekannt. Dafür allerdings das Zitat des Zoologen Gerald Durrell, dem ich vollinhaltlich zustimmen würde:

„Ein Haus ist kein Zuhause, so lange kein Hund darin wohnt.“

Von Kindern hat er nichts gesagt.

Das ist Autor Harald Braun mit seiner geliebten Vizla-Hündin Klärchen. Sein Blick auf das Hundeleben ist durchaus erheiternd. Immer wieder aufs Neue.