Die Irish Setter-Hündin hat eine Ausbildung zum Assistenzhund. Sie steigert bei Schülern und Schülerinnen die Lernmotivation.

Während Jan laut vorliest, streichelt er mit seiner rechten Hand über das rotbraune Fell von Carla. Die Irish Setter-Hündin liegt neben ihm in der Sofaecke, und sie vermittelt den Eindruck, als höre sie dem Zweitklässler ganz genau zu. Jan liest Carla konzentriert eine Geschichte aus der Lesefibel vor. Die Vierbeinerin ist eine aufmerksame Zuhörerin. Schon die Anwesenheit von Carla, das Streicheln fördere den Abbau von Stresshormonen, sagt Katrin Göhner. Sie ist die Klassenlehrerin  der 2a an der Katholischen Schule in Hamburg-Harburg und Carla ihre Hündin.

„Laut vorzulesen, das kostet schon Überwindung. Carla nimmt die Hemmungen. Wenn die Kinder dem Hund etwas vorlesen, steigert das unheimlich die Motivation“, sagt Göhner.

„Carla ist wertfrei, korrigiert keine Fehler, und das steigert das Selbstbewusstsein der Kinder.“

Der Job als Lehrkraft ist für die Hündin anstrengend

Seit sieben Jahren schon begleitet die inzwischen elfjährige Setterdame die Lehrerin in den Unterricht. In jungen Jahren täglich, mittlerweile nur noch ein- bis zweimal die Woche. Es wäre sonst zu viel für Carla.

Denn ihr Job als Zweitlehrerin ist anstrengend. Carla geht nicht einfach nur so mit Frauchen zur Arbeit wie andere Wohlfühlatmosphäre sorgen können“>Bürohunde vielleicht. Sie ist ein ausgebildeter und zertifizierter Assistenzhund und hat für die Lernerfolge der Kinder eine große Bedeutung. Sie hilft bei Deutsch und in Mathematik, auf etwas unkonventionellere Art – etwa per Flaschendrehen.

Dabei halten zwei Schüler eine Schnur, in deren Mitte eine leere geöffnete Plastikflasche baumelt. Ein dritter hält ein Leckerli für Carla in der Hand und fordert seine Mitschüler auf: „Nennt mir ein Wort mit E.“ Carla sitzt währenddessen auf ihrer Decke.  „Elefant“, ruft eine Mitschülerin mit der Hand an der Schnur. Richtig, also kommt ein Leckerli für Carla in die Flasche an der Schnur. „Carla spiel!“ ist das Signal für die Hündin, zur Schnur zu gehen, mit der Pfote auf die Flasche zu schlagen und sich so ein Leckerli zu schnappen.

Hund lernt rechnen mit Kindern in der Schule
Genevieve Wood

Das macht den Kindern Spaß, und Carla profitiert davon und bekommt etwas zu fressen. Bei einem anderen Spiel wird ein Futterbeutel versteckt, Carla sucht ihn, bekommt ein Leckerli und die Kinder eine kleine Matheaufgabe, die auf einem Zettel im Futterbeutel steht. 9 + 7 zum Beispiel. Eine leichte Aufgabe, damit alle sie lösen können.

„Wenn Carla im Unterricht ist, steigert das die Motivation zum Lernen “,

so Frau Göhner.

Die Kinder entwickeln Selbstbewusstsein, wenn sie merken, dass die Hündin ihnen gehorcht. Selbstverständlich haben alle den Umgang mit einem Hund und die wichtigsten Regeln vorab gelernt. „Man schlägt keine Hunde“, sagt Maria Magdalena und Ludwig ergänzt: „Wir streicheln sie nicht am Kopf, und wir müssen ihr Wasser geben.“


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Wenn der Assistenzhund in der Klasse ist, müssen alle ruhiger sein

Aber die Hündin schafft allein durch ihre Anwesenheit noch viel mehr als Buchstaben zu vermitteln und das Lesen zu erleichtern: „Die Kinder lernen, sich an Regeln zu halten, ihre Empathiefähigkeit wird gefördert und die Fähigkeit, auf andere Rücksicht zu nehmen“, erklärt die Pädagogin. Genau die Aufgaben also, die ein Assistenzhund hat. Die Stärkung der sozialen Kompetenzen steht im Mittelpunkt der tierischen Aushilfslehrerin. „Das zählt zu den Kernaufgaben eines Schulhundes“, so Katrin Göhner. Wenn Carla  auf dem Boden liegt, müssen die Kinder um sie herum gehen und dürfen nicht einfach über sie hinwegsteigen.

„So lernen sie Rücksichtnahme und Verantwortung zu übernehmen.“ 

Wenn Carla im Raum ist, wird nicht laut geschrien, dann klatschen die Mitschüler auch nicht, wenn jemand von ihnen etwas Richtiges gesagt hat, sondern sie klopfen nur mit den Zeigefingern gegeneinander. Diesen stillen Applaus nennt die 2a Mäuseapplaus. „Hunde haben nämlich empfindlichere Ohren als wir“, sagt Alexander. Auch alle Pausenbrote müssen in die verschlossenen Ranzen, es dürfen keine kleinen Gegenstände herumliegen, die der Hund ins Maul nehmen könnte. Schon einmal hatte Carla einen Radiergummi im Maul. Zum Glück konnte Katrin Göhner ihn mit den Fingern herausfischen. Es ist nichts passiert.

Kaum jemand aus der Klasse hat zu Hause einen Hund. Simon hat zwei Meerschweinchen, andere haben Katzen, und einige Mitschüler hatten sogar Angst vor Hunden. Diese Furcht hat sich mittlerweile gelegt oder sehr verringert.

„Deswegen ist Carla die erste Zeit nicht im Klassenraum frei herumgelaufen, sondern war an der Leine. Erst wenn das Okay der ängstlichen Kinder kam, wurde sie abgeleint“, sagt Frau Göhner. Das ist Voraussetzung für den Unterricht mit einem Tier: Alle müssen ihr Einverständnis dazu geben und sich wohl fühlen.

Die Bedürfnisse des Hundes stehen immer im Vordergrund

Die Bedürfnisse vom Hund stehen immer im Vordergrund. Katrin Göhner nimmt Carla nur mit in die Schule, wenn die Hündin das möchte. Das erkennt Frau Göhner ganz leicht: „Wenn sie mit will, steht sie schon an der Tür, wenn ich zur Schule muss. Bleibt sie aber liegen, muss sie auch nicht mit.“

Die Kinder wissen, dass sie Carla in Ruhe lassen, wenn sie schläft und nur zu ihr gehen können, wenn ihre Klassenlehrerin das erlaubt hat. In einem Nebenraum hat Carla außerdem ihre Schlafbox zum Zurückziehen.

Assistenzhund liegt in seiner Schlafecke im Klassenzimmer
Genevieve Wood

Die Lehrerin ist Ersthundebesitzerin und Carla aus dem Tierschutz. Katrin Göhner und ihr Mann waren Gassigänger und haben dabei Carla kennen- und lieben gelernt. Da war der Irish Setter eineinhalb Jahre alt. „Weil sie so kinderlieb war, kam ich auf die Idee, sie mit zur Schule zu nehmen“, erzählt Katrin Göhner. Vorher aber ging es in die Hundeschule. Dann wurde geguckt, ob sich Carla als Assistenzhund eignet. „Sie muss dafür geduldig sein, sie muss sich anfassen lassen und das auch wollen, sie muss kontaktfreudig sein“, sagt Katrin Göhner. „Sie muss zurückweichen bei Unsicherheit und nicht etwa nach vorne gehen, und sie muss gehorsam sein.“ Ein Assistenzhund darf keine Aggression zeigen. Das trifft alles auf Carla zu. Ein Dreivierteljahr hat die Ausbildung Carlas bei Souldogs gedauert mit anschließender Prüfung und einem Zertifikat.

Für die Kinder der Klasse 2a ist die Schulhündin ein fester Bestandteil ihres Schulalltags, auch wenn Carla nicht immer dabei ist. Simon scheint eine besondere Verbindung zur Hündin zu haben. Der Achtjährige schwärmt: „Ich spiele mit ihr. Wenn ich traurig bin, kann Carla mich gut trösten. Sie ist einfach da. Die Spiele mit ihr sind schön, genauso schön wie Carla.“