Der Hund liebt Weihnachten? Woran erkennt man das? Und was genau liebt er eigentlich an dem Fest? Unser Autor berichtet von seinem besinnlichen Weihnachen mit Hund – und seiner Frau. Zählt ihr schon die Tage bis zum nächsten Weihnachtsfest?

Es ist kein Geheimnis, dass ich kein großer Freund von Weihnachten bin. Am liebsten wäre mir, wir würden bereits Mitte Dezember in einen Urlaubsflieger steigen, der uns irgendwo am anderen Ende der Welt in den Sommer bringt.  Im neuen Jahr kämen wir dann aus einem exotischen Land zurück, dessen Weihnachtsgebräuche sich im Absingen von Chorälen am Strand erschöpften – mit Sonnenöl in der Hand und einem knappen Bikini am Körper.


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Leider sieht das meine Frau ganz anders. Mit dem Bikini hat es nichts zu tun. Sie hat andere Gründe. Erstens: Die weit verstreute Familie in der Heimat will besucht werden. Zweitens: Der Hund darf nicht allein gelassen werden. Das Argument mit der Familie ist schwer zu kontern. Man wird nicht jünger, die Eltern leben nicht ewig, man sieht sich ja sonst so selten – alles klar. Und der Hund? Soll ohnehin nicht in ein Flugzeug und würde im Urlaubsziel unserer Wahl auch die Hitze nicht gut ertragen. Klärchen in die Obhut guter Freunde oder gar in eine Hundepension zu geben, sei aber auch keine Option. Schließlich sei Klärchen ja einen gewissen Betreuungsstandard gewöhnt. Todunglücklich sei sie über Wochen, wurde gemutmaßt, so jäh getrennt vom liebevollen Rudel. Außerdem, und jetzt wird’s wirklich schräg: „Der Hund liebt Weihnachten!“, sagt meine Frau. 

Ich kann über all das nur erschüttert mit dem Kopf schütteln. Der Hund liebt Weihnachten? Woran erkennt man das? Was bitte hat der Hund von Weihnachten? Er darf nicht mit auf den Weihnachtsmarkt, weil es dort zu voll ist. Glühwein schmeckt ihm nachweislich überhaupt nicht und Geschenke bekommt er in der Regel auch keine, womit also schon mal drei der populärsten Gründe FÜR Weihnachten den Hund gar nicht tangieren. Meine Meinung: Klärchen könnte Weihnachten nicht mal dann von Karneval unterscheiden, wenn man ihr ein Rentier ins Körbchen legen und „What A Wonderful World“ von Louis Armstrong in der Endlosschleife vorspielen würde. 

Hund schaut in Kamera, im Hintergrund eine weihnachtliche Lichterkette
Jules D.

Der Hund liebt den Weihnachtsbaum

Aber, was weiß ich schon? Meine Frau jedenfalls zeigte sich uneinsichtig. Wir bleiben Weihnachten in der Heimat. Jedes Mal. Letztes Jahr besorgte meine Frau zum ersten Mal einen Tannenbaum und schmückte ihn. Sie war nicht davon abzubringen. Ich weiß ja nicht, was eine kümmerliche Nordmanntanne für 29 Euro bei einem Hund normalerweise so auslöst. Unserer geriet auf der Stelle in Ekstase. Kaum nahm Klärchen von dem mit silbrigen Lamettafäden, glitzernden Kugeln und Lichterkerzen geschmückten Baum zum ersten Mal Notiz, verliebte sie sich sofort. Waren es die funkelnden Kugeln, die schimmernden Lamettabrösel, hatte sich am arglosen Nadelholz noch vor kurzer Zeit ein gut duftender Keiler gerieben? Wir werden es nie erfahren. Fakt aber war, dass Klärchen unseren Tannenbaum von dieser Sekunde an nicht mehr aus den Augen ließ. „Siehst du?“, sprach meine Frau, „ich hab es dir ja gesagt. Der Hund liebt Weihnachten!“ 

Man muss wissen, wann man verloren hat. Klärchen schlug quasi vom 20. Dezember bis weit nach Neujahr ihr Lager unter unserem Baum auf. Sie feierte den Nordmann aus ganzem Hundeherzen und reagierte sogar etwas eifersüchtig auf Versuche meiner Frau und mir, auch mal in die Nähe der geschmückten Tanne zu kommen. Manchmal war Klärchen vor lauter trockenen Nadeln und glänzenden Lamettaschnipseln auf ihrem Fell kaum noch vom Weihnachtsschmuck zu unterscheiden. Nur für Spaziergänge und Fütterungen ließ sie sich überhaupt noch von ihrem Glitzertannentempel weglocken, allerdings ohne die übliche Wischel-Begeisterung, die sie ansonsten beim geringsten Anzeichen von Outdoor-Aktivitäten zeigte. Das Mantra meiner Frau lautete in dieser Zeit, und es kam mehrmals am Tag zum Einsatz: „Da siehst du, wie sehr der Hund Weihnachten liebt!“ 

Hund liegt unterm Weihnachtsbaum und schläft
Phil Hauser

Bescherung mit Hund

Natürlich verlor ich auch meine letzte Schlacht. Auf keinen Fall würde der Hund am Heiligabend auch noch an der Bescherung teilnehmen, hatte ich verlangt. Es sei doch völlig absurd, dem Hund auch noch Weihnachtsgeschenke einzupacken. Mein stetig lauter vorgetragenes Argument wurde von Wiederholung zu Wiederholung schlüssiger: Er versteht nicht, was Weihnachten ist. ER VERSTEHT ES NICHT! 

Meine Frau war nicht überzeugt. Statt es mir in gleicher Lautstärke heimzuzahlen, musste sie natürlich wieder mit unfairen Mitteln kämpfen. „Schau mal, habe ich nur für dich zusammengestellt“, sprach sie und überreichte mir ein Dossier aus Zeitungsartikeln und ausgedruckten Online-Texten. Auf nähere Details gehe ich an dieser Stelle lieber nicht ein. Im Grunde stand da nur in vielen Varianten, dass etwa zwei Drittel aller Hundebesitzer ihrem Hund etwas zu Weihnachten schenken würden.

Das restliche Drittel, so war zwischen den Zeilen zu lesen, sei ein verkommener, hartherziger Haufen Zellmasse, unwürdig, weiter auf diesem Planeten zu Gast zu sein. Ob ich mich in diesem Drittel wirklich wohlfühlen würde, fragte meine Frau. Die Antwort wartete sie nicht ab. War auch nicht nötig. Sie war in den letzten Tagen ohnehin nur noch selten aus diesen völlig bizarren Produktwelten auf Online-Portalen aufgetaucht, die „Designer“ von Hundeartikeln offenbar sehr wohlhabend machten. Nach und nach stapelten sich in unserem Gästezimmer Pakete mit allerlei seltsamen Spielzeugen, die alle auf einem Haufen auch als Bühnenbild von „Toy Story VI“ durchgegangen wären. Mein Favorit war der Kong Holiday Wubba Flatz im Weihnachtsdesign, aber auch ein braunes Cord-Rentier und ein Honigkuchenmann mit XXL-Quietschern im Bauch ließen mich innerlich erschauern.

Französische Bulldogge sitzt an Weihnachten zwischen Geschenken
Jakob Owens

Heiligabend schoben wir die erbeuteten Gaben dann unter Klärchens Baum und vermittelten ihr mit hektischen Gebärden, dass der nahezu misthaufengroße Geschenkeberg unter dem Tannenbaum nur ihr gehören würde. Ich bin nicht sicher, ob der Hund daraufhin die Geschenke feierte oder nur euphorisch auf und ab sprang, weil wir so viel Aufhebens um ihn machten.

Weihnachten mit Hund: Alle Jahre wieder?

Meine Frau aber jubilierte. Hatte sich Klärchen nun endgültig als bedingungsloser Unterstützer ihrer eigenen Weihnachtsbegeisterung erwiesen. Womit natürlich auch mein Los in der Zukunft besiegelt sein dürfte: Sonne im Winter, das hat sich für mich erledigt. Ein bisschen Schadenfreude war deshalb schon mit dabei, als Klärchen am Dreikönigstag im neuen Jahr nach ihrem morgendlichen Spaziergang fröhlich ins Haus zurückwedelte und sich vor Schreck vor unserer großen Blumenvase aufbäumte wie ein Präriepferd. Die Vase stand nun wieder dort, wo noch vor zwei Stunden der Baum, ihr Freund, gelebt hatte, mitsamt dem quietschenden Honigkuchenmann. Selbst meine Gattin war erleichtert, dass der nadelnde Baum und das lärmende Spielzeug endlich in die ewigen Jagdgründe unseres Schuppens verbannt worden waren.  

Seitdem weiß auch der Hund, was Wehmut ist. Jeden Tag schaut Klärchen kurz bei der Vase vorbei und wufft sie zwei-, dreimal unzufrieden an, nur weil sie kein Tannenbaum ist. Ich habe allerdings meine Frau im Verdacht, dass sie schon wieder die Tage zählt. 

Das ist Autor Harald Braun mit seiner geliebten Vizla-Hündin Klärchen. Sein Blick auf das Hundeleben ist durchaus erheiternd. Immer wieder aufs Neue.