Geeignet für die Assistenzhundeausbildung sind alle Rassen – beliebt sind Retriever und Pudelmischlinge. So umfangreich ist die Ausbildung zum Blindenführhund.

Berlin. Wenn Silke Larsen durch die Straßen Berlins geht, ist sie nie allein. An ihrer Seite ist immer Chepi. Die Curly-Coated Retriever Hündin begleitet Frau Larsen durch den Alltag. Und sie ist doch noch viel mehr:

„Meinem Hund vertraue ich mein Leben an“,

sagt Frau Larsen.

Die 50-Jährige ist blind und Chepi ein ausgebildeter Blindenführhund.

Die Berlinerin ist ehrenamtlich als Führhundreferentin im Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein (ABSV) aktiv und ist engagiert dabei, wenn es darum geht, das Umfeld über die wichtige Aufgabe von Assistenzhunden aufzuklären. Natürlich ist Chepi ein Familienmitglied wie jeder andere Hund, aber sie ist eben noch viel mehr. Die sechsjährige Hündin hat einen wichtigen Job zu erledigen: Ihre blinde Besitzerin sicher überall entlangzuführen, sie auf Gefahren aufmerksam zu machen. Keine leichte Aufgabe, vor allem nicht in einer Großstadt wie Berlin.

In der Ausbildung lernen die zukünftigen Assistenzhunde unter anderem gradlinig zu führen, rechts und links zu unterscheiden, Hindernissen am Boden und in der Höhe auszuweichen oder anzuzeigen und Treppen, Aufzüge und Türen zu suchen. Mit positiver Verknüpfung lernen die Hunde vom zweiten Lebensjahr an in einer Blindenführhundeschule bis zu 40 verschiedene Hörzeichen. Begonnen wird die Ausbildung in reizarmer Umgebung. Neben Hörzeichen wie „voran“, „links“, „rechts“, „Ampel“ lernt der Hund auch zu verweigern, etwa in Gefahrensituationen bei Hindernissen, Baustellen, Rolltreppen oder Abgründen. Dann bleibt Chepi einfach stehen. Sie widersetzt sich dann dem Hörzeichen ihrer Halterin und wählt alternative Wege.

Wenn Chepi und Frau Larsen unterwegs sind, heißt es etwa: „Such Ampel“. Ganz ähnlich sind die Kommandos für Bordstein (such Bord), Bus, Bank (Sitzplatz) oder voran, als Kommando fürs Losgehen.

„Bei mir und Chepi funktioniert es auch über Körpersprache. Zwar kann ich meinen Hund nicht sehen, aber mein Hund kann meine Anweisungen auch durch Handzeichen verstehen“,

sagt Frau Larsen.

Die beiden sind nach zwei Jahren ein eingespieltes Team. Chepi kam erst mit vier Jahren zu Familie Larsen, weil ihre ursprüngliche Halterin schwer erkrankt ist. „Normalerweise werden Blindenführhunde nur bis zum dritten Lebensjahr vermittelt.“ 

Blindenführhund mit Kenndecke im Park
DBSV/ Peters

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Früher war Silke Larsen ausschließlich mit Stock unterwegs. „Ich war eine aktive Stockläuferin, seit meinem 12. Lebensjahr“, sagt sie und lacht. Doch als berufstätige Frau und Mutter von drei damals kleinen Kindern, erforderten die Wege durch die Stadt, das Ein- und Aussteigen in Bus und Bahn zu viel Konzentration. Es war Stress pur für die blinde Mutter. „Ich fühlte mich sehr beansprucht.“

Blindenhund mit Frauchen in Bus
DVBS/ Andreas Friese

Ein Blindenführhund dagegen nimmt diese Spannung und übernimmt die Führung. Vor 18 Jahren bekam sie ihren ersten Blindenführhund, einen Australian Shepherd.

„Das ist ein großer Unterschied zum Stock. Der Hund erkennt Hindernisse und umgeht sie automatisch, sodass ich gar nicht mitbekomme, dass da überhaupt ein Hindernis war.“

Am Führbügel sollen die Hunde konzentriert sein, die Umgebung checken und hohe Hindernisse wie Schilder, Markisen, Äste oder Pfähle anzeigen. Und auch die vielen Elektroroller auf den Gehwegen kann er problemlos umgehen. „Der Blindenführhundhalter gibt die Richtung vor, der Hund hat den Job, für beide den sichersten Weg auszuwählen“, bringt es Silke Larsen auf den Punkt.

Weißer Blindenhund liegt auf Wiese
DVBS/ Andreas Friese

Chepi ist bereits ihr vierter Blindenführhund. Im Durchschnitt arbeiten die Hunde acht Jahre, bis sie etwa zehn Jahre alt sind. Ihr erster Hund kam mit 9,5 Jahren in Rente und konnte in der Familie bis zu seinem Tod weiterleben. Frau Larsen hatte zeitweise zwei Hunde. Wenn das nicht möglich ist, kommen Hunde nach ihrem Dienst in Familien, die gern solch gut erzogenen Hunde übernehmen. Ein Verein sucht für diese Hunde neue Halter, andere werden privat weitervermittelt, sodass sie auch nach ihrem Dienst ein schönes Hundeleben führen können.

Nicht jeder Hund ist trotz sorgfältiger Sichtung im Welpenalter und trotz der anschließenden Ausbildung für diese anstrengende Arbeit geeignet. Das stellt sich dann manchmal erst später heraus. So hatte Frau Larsen einen Australian Shepherd, der Ängste entwickelte und Panikattacken bekam, weil er mit der Hektik und vor allem dem Lärm der Großstadt nicht zurechtkam. Er lebt nun viel ruhiger im Sauerland. Ein anderer ihrer Hunde wurde am Führgeschirr mehrfach von nicht angeleinten Hunden angegriffen und entwickelte eine Angstaggression. Auf ihn konnte sich Silke Larsen nicht mehr verlassen. „Das wurde zu gefährlich, er kam dann in Rente.“ Er lebt bei Freunden auf dem Land und ist inzwischen 13 Jahre alt.

Blindenhund mit Kennzeichnung, dass er nicht gestreichelt werden soll
DBSV/ Peters

Das ist leider ein Problem, das auch andere Hundehalter kennen: Viele Menschen werden übergriffig, streicheln den arbeitenden Blindenführhund oder lassen ihre Hunde an ihn heran. „Obwohl er im Führgeschirr ist und darauf steht, dass er arbeitet und nicht gestreichelt werden soll, machen die Leute das doch immer wieder“, sagt Frau Larsen. Sie meinen es nicht böse, das macht es aber nicht besser. Genau wie für jeden anderen Hund gilt: An der Leine gibt es keine Hundebegegnungen. Nur leider wissen die meisten Hundehalter das nicht, obwohl es in den Hundeschulen immer wieder Thema ist.

Ohne Leine darf Chepi natürlich auch laufen, das ist schon aus tierschutzrechtlichen Gründen so vorgesehen. Beim Urlaub an der Ostsee geht sie schwimmen, zu Hause geht es häufig mit ihr in den Wald, oder sie kann sich auf einer Hundeauslauffläche frei bewegen. Entspannung nach der Arbeit.

Geeignet für den Dienst als Assistenzhund für Blinde sind alle Rassen außer Listenhunde. Wichtig ist, dass die Tiere ausgeglichen und freundlich sind. Labradore und Retriever machen den größten Anteil an Blindenführhunden aus, aber auch Pudel und Pudelmixe, wie Labradoodle, werden gern genommen, ebenso Schäferhunde. Die Hunde sollten eine Schulterhöhe von 50 bis 70 Zentimetern haben, damit es für den sehbehinderten Menschen am Führgeschirr angenehm ist. „Die Hunde dürfen keinen ausgeprägten Jagd-, Schutz- oder Wachtrieb haben“, sagt Silke Larsen.

Pro Jahr werden in Deutschland rund 300 Führhunde abgegeben, rund zwei Prozent der blinden Menschen haben einen. Die Nachfrage ist dabei größer als das Angebot. Zwei bis drei Jahre dauert es jedoch, ehe man solch einen Hund bekommt, dessen Ausbildung bis zu einem Jahr dauert und bis zu 35.000 Euro kostet. Bevor die Krankenkasse das bezahlt, müssen der Hund und sein Besitzer vorab eine Gespannprüfung machen, die von unabhängigen Gutachtern beurteilt wird.

Das alles hat Frau Larsen hinter sich. Sie ist froh über ihre tierische Hilfe Chepi, die es ihr ermöglicht, ganz normal am Leben teilhaben zu können. Frei und selbstständig.